IKAROS


1973

Ungarisch

Übersetzung von Judit Csengery


Personen:

IKAROS

ZEUS

HERMES

KALLISTO

 


Zeus, der Hauptgott verbringt seinen Urlaub fern vom Olymp auf einer Menschenverlassen kleinen Insel. Er sitzt auf einer Lichtung in einem sehr bequemen, prunkvoll geschnitzten vergoldeten Arm-sessel. Neben ihm auf einem niedrigen Tisch steht eine riesige Schüssel mit allerlei guten irdischen Obstarten.Neben dem Tisch stehen noch zwei weitere einfache Stühle. Wegen den Bäumen ist nur Weniges zu sehen.Von oben her, durch die Lücken des Laubes scheint dieSonne herein. Grosse Schattenfecken bedecken alles. Der Hauptgott schlummert friedlich.Nur Hermes, einer seiner Lieblingssöhne unter der vielenist neben ihm und fächelt ihn mit einem Palmenzweig und vertreibt die unverschämten Fliegen.

Von linkst hört man leise das monotoneGemurmel des Meeres Plötzlich ertönt von links aus der höhe ein Starkes Surren und dann ein riesigesPlatschen. Zeus schreckt auf, schnaufend.

ZEUS: Was... was ist los?

HERMES: (DerFächer bleibt in seiner Hand stehen) Ich wiss noch nicht.

Wassergeplätscher. Jemand schwimmt mit starken Armschlägen. Stille Es scheint er hat das Ufer errecht. Schnauben.

ZEUS: (Murrt) Wie ein Walfisch! Schläft Kallisto noch?

HERMES: Sie schläft. -Er kam von oben her.

ZEUS: (Gähnt) Dannist es kein Walfisch.

HERMES: (Horcht nach aussen hin) Ein Mensch. (Pause) Ein grosses Stück. - Willst Du, dass ich ihn in Eine Kröte verwandle?

ZEUS: Warum eben in eine Kröte? - Dass sie hier unter unseren Füssenherumpringt? (Schaudert)Was füreine Idee?

HERMES: Entschuldige! - Dann in einen Stein. (Pause) Er kommt in diese Richtung. Der Unverschämte!

ZEUS: Weist du wer der ist?

HERMES: Das muss... Nein, das ist unmöglich. Der ist ja gestorben.

ZEUS: Aber nein! - Ich habe ihn verurteilt,zu Leben!

HERMES: Sowas. - Hab ich nicht gewusst.

ZEUS: Warum sollte ich euch auch alles an die Nase hinden?

HERMES: (Ruft nach links hinaus) Halt!

ZEUS: Was soll das: Halt? - Er soll nur kommen!

HERMES: (Vorwurfsvoll) MeinVater, Zeus, Du vergisst, dassDu auf Urlaub bist. Und auch, dass Du sterngstens befohlen hast, dass dich niemand auf der Welt....

ZEUS: Du hast Recht, Hermes mein lieber Sohn. Aber auf ihn bin ich jetzt ausgespochen neugierig.

HERMES: (Grinst) Man musses ihn lassen, er schaut ja gut aus!

ZEUS: Grinse nur nicht. An seiner Stelle würdest du auch nicht besseraussehen.

HERMES: Entschuldige! (Hinaus, empört) Hee! Wer hat gesagt, dass du dich setzen darfst?! - Schau. der Unverschämte! (Pause) Du erhebst dich, wie ein gichtiger Maulesel.

ZEUS: Aber der ist kein Maulesel.

Von links kommt langsam, müde Ikaros herein. Ein grosser, starker, muskulöser Mann von etwa 35 Jahren. Er hat eine silberbeschuppte Schwimmhose an. Das Wasser tröpfelt von ihm. An beiden Armen hat er rote Wachsstreifen, als wäre er blutig. Am Wachs kleben kleinere und grössere schneeweisse Federn. Mannsieht noch von Kurzem hatte Ikaros Flüge am Arm.

IKAROS: Mögen die Götter Euch segnen!

HERMES: Aufs Kie, Mensch! Bist du blind?!

IKAROS: Nein. - Ich sehe, dass ihr Herren seid... (Zeig auf Zeus) Du vielleicht auch König. - Aber ich kniee auch dann nicht gerne. Übrigens suche ich Zeus. Mann sagte, er müsse hier irgendwo sein. Es scheint, man hat micht wieder reingelegt.

HERMES: Was für ein Ton ist das?! Fürchtest du dich nicht, dafür mit dem Leben zahlen zu müssen?!

IKAROS: (Zuckt mit der Achsel) Nein. Höchstenszahle ich. - Warum, hab ich war Falsches gesagt?

HERMES: Noch dass du nicht gerne kniest!

ZEUS: Lass ihn, Hermes. Erwill ja endlich zu Hades gelangen.

IKAROS: Immer noch besser, als hier oben.

HERMES: Halt! Weisst du überhaupt, mit wem du spichst.

IKAROS: (Mit einer müden Ruhe) Jetzt weiss ich schon. Ich weiss es ganz sicher. - Vorhinsagte der dort (auf Zeus Zeigend) zu dir: „Lass ihn, Hermes, er will ja eben”... (Pause) Dann kann dieser da kein anderer sein, als Zeus.

HERMES: (Sehr empört) Dieser da?! - Weisst du was das ist? Reine Gotteslästerung ist das!

IKAROS: Ja. - Wie du meinst. Zwar ist es meiner Meinung nachKeine...

HERMES: Zeus, mein Vater, Du sollst entscheiden, obdieses - Dieser da - eine ist, oder nicht!

ZEUS: (Heiter) Es ist eine.

IKAROS: (Zuckt wieder mit der Achsel) Dann ist es eben eine.

ZEUS: Wörtlich genommen nicht, aber der Absicht nachschon. (Pause) Und du glaubst jetzt wohl, dass ich dich jetzt sofor zermalme und deine Seele zu Hades kommt. (Pause) Was glaubst du, mein liebes Kind, inder Unterwelt werdest du woh deine Ruhe finden? Und dass die dort unten dieser Welt überlegen ist? Glaubst du, das Kerberos, das dreiköpfigeUngeheuer, alle drei Zungen aus dem Halse hängen lässt,um dir die Hand zu lecken? Oder das Kharon mit dir eineVergnügungsschiffahrt auf dem tyx-Fluss unternehmen wird? Um dich direckt in Persephones Bett zu schiffen?

Stille

HERMES: Mann, du wurdest gefragt!

IKAROS: Ich hab’s gehört.

HERMES: (Mit ohnmächtiger Wur) Hörtest Du, Vater Zeus?Er hat es gehört.

ZEUS: Beruhige dich Hermes!

IKAROS: Ich hab’s gehört, - ja. Aber das sind doch solch rhetorische Fragen. (Zu Zeus) Änliche rhetorische Fragen könnte ich dir auch stellen, Oberster der Götter, Zeus!

ZEUS: Nanu!

HERMES: Stelle welche! - Wenn du kannst...

IKAROS: (Zu Zeus) Schau mich an, Zeus!

Stille

ZEUS: Stelle keine.(Pause) Setz dich.

IKAROS: Ich bin ganz nass. - Wieder.

ZEUS: Deswegen kannst du dich doch noch setzen.

Ikaros will auf einem der freien Stühle Platz nehmen.

HERMES: Das ist mein Platz.

ZEUS: (Zu Ikaros) Zetz dir nur. (Zu Hermes) Was hat dich denn getroffen?.

IKAROS: Ich bedanke mich, Zeus.

HERMES: Vater Zeus, du bist viel zu geduldig zu diesem Unverschämten - wenn ich bemerken darf.

ZEUS: Zu dir bin ich auch geduldig, Hermes. (Pause) Um diese Tageszeit habe ich Helios schon gerne. Es ist angenehm, wenn er sich etwashinterunsbefindet und die Strahlen von seinen goldenen Speichen schräg auf uns streuen. Ich liebe die kühlen Schattenflecken des Laubes. (Eine Fliege setzt sich auf seine Nase. Er haut hin) Verdammte freche Fkiegen! Zudringliche kleine Biester. (Zu Hermes) Warumhabe ich sie bloss geschaffen?

HERMES: Weil du den Gesang der Vögel gerne hast.

ZEUS: War eine Unbesonnenheit.

HERMES: Die Vögel?

ZEUS: Die Fliegen.

Ikaros schlummert inzwischen vor Müdigkeit ein.

HERMES: Wenn du villst, rotteich sie aus.

ZEUS: Die Vögel?

HERMES: Die Fliegen.

ZEUS: Dummkopf! - Diese Insel ist voll mit Singvögeln. (Pause) Zwar singt jetztkein eiziger.

HERMES: (Stupst gegen Ikaros hin) Weil dieser sie erschrekt hat.

ZEUS: Erist totmüde. (Pause) Warum hast du ihn so feindlich empfangen? Und eben du, dessen Aufgabe Es ist, - eine Aufgabe, wohlbemerkt - die dir am Herzen liegt, zwischen dem Olymp und den Menschen zu vermitteln?

HERMES: Ich liebe die einfachen Leute. Aber der hier ist kein einfacher Mensch.

ZEUS: Glaubst du?

HERMES: Sollte ich michirren?

Stille

ZEUS: Du hast auch die Jugend gerne.

HERMES: Er ist kein Jünglich mehr.

ZEUS: Aber stark. Hat einen schönen Körper.

HERMES: Aber diese Federn!... Und dieser rote Wachs an den Armen!...

Stille

ZEUS: Ikaros! Hörst du Ikaros! Bist du nicht hungrig?

HERMES: (Stösst Ikaros) Hee, Ikaros!

IKAROS: (Wacht auf) Entschuldigt mich, der Schlaf hat michüberwältigt.

HERMES: VaterZeus fragte, ob du hungrig bist?

IKAROS: Ein bisschen.

ZEUS: Hermes bringt dir gleich etwas Ambrosia. Und Nektar kannst du auch trinken.

IKAROS: (Blinzelt nach der Obstschüssel) Danke. Ich möchte eher so etwas irdisches essen.

ZEUS: Du hast Recht. Obst ist gesund. Zwar sind manche ganz verrückt aufAmbrosia. Eine Menge Götter fühlenihre Gottheit am meisten dann, wenn sie sich mit Sachen vollfressen, Wozu ihr Sterblichen nicht drankommt.

Inzwischen nimmt Ikaros einen scönen Apfel ausder Schüssel und beisst knackend hinein.

HERMES: Fang mir nicht mit Obst an! Ich bring dir ein vorzügliches Kalbschnitzel.

IKAROS: Danke, mach dir keine Mühe Hermes. Ich hab zwei Wochen unterRindehirten geweilt und dort riesig vielKalbschnitzel gegessen.

HERMES: Was hast du dort gemacht?

IKAROS: Nichts. - Ich lag.Und sie pflegen mich.

HERMES: Während du Kalbbraten gegessen hast?!

IKAROS: Meinem Magen fehlte nichts. - Ichstürzte zwissen sie in einen Busch.

HERMES: (Grinst) So? - Ich dachte du liebst ausschliesslich das Meer.

IKAROS: (Resigniert) Ich weiss, dass du über mich spottest... egal! - Poseidon hasst mich wahrhaftig dafür.

ZEUS: Obgleich ich ihm den strengsten Befehl gab,dich nicht im Wasserzu lassen!

IKAROS: Er lässt mich auch nicht. Bloss heutzutage, wenn ich weit vom Ufer abstürze,schickt er mir nur hie und da diese netten Delfine zu Hilfe. Unlängst sandte er mir einem Säbelfisch.

HERMES: Und wie bist du davongekommen?

IKAROS: Es war ein alter, erfahrener Säbelfisch. Er durchbohrte nur die Haut an meiner Seite, - und ein bisschen das Fleisch. Aber es ist schon geheilt.

HERMES: (Berührt die Wunde an der linken Seite von Ikaros)Tüchtige kleine Narbe. - Sag mal, wozu dieses ständige Stürzen?

IKAROS: Du frägst falsch. -Wozu dieses ständige Fliegen.

HERMES: Fliegen ist gut!

IKAROS: Für dich. - Du bist ein Gott. Und Götter pflegen nicht abzustürzen.

ZEUS: Solange sie die stärkeren Götter in Ruhe lassen.

Stille

HERMES: Und... du stürzt immer ab?

IKAROS: Immer. (Schaut Zeus vorwurfsvoll an) Er sieht immer so aus, als ob es endlich zum letztenmal wäre.

ZEUS: (Besänftigend) Gut, gut, sei deshalb noch nicht so niedergeschlagen! - Es gibt aus höhere Gesichtspunkte. Versuche das ganze von der gemütlicheren Seite aufzufassen.Wenn du gründlich darüber nachdenkst: es gibt in diesenSachen etwas Schönes... etwas Erhebendes!....

IKAROS: (Bitter) Im Sturz?

HERMES: (Mit wachsendemInteresse) Wir, die anderen Götter, hatten keine Ahnung, dass du... daurend das machst. - Bitte, erzähl darüber etwas ausführlicher!Gelt, er darf ezählen , Vater Zeus?

ZEUS: Gewiss! Soll er nur erzählen? -

IKAROS: (Widerwillig) Was soll ich erzählen? - Eine Zeit lang ist man oben... und dann - puff!

HERMES: Puff?

IKAROS: Puff!

HERMES: (Sinnend) Interessant.

IKAROS: Einmal puff... ein anderesmalplatsch! (Seufzt) Es kommt aufs Gleiche heraus.

HERMES: (Ungeduldig) Aber das ist doch nicht so einfach!

Stille

IKAROS: Hermes, warum ist es einem Gott nötig, sein eigenes Glück im Unglück der Menschen zu erkennen?

HERMES: Wie meinst du das?

IKAROS: Dass er als Gott geboren wurde.

ZEUS: (Kichert) Na, da hast du es!

IKAROS: (Zu Hermes) Sei mir nicht böse! Lieber erzähle ich. - Mein erstes kennst du noch sicher.

HERMES: Ja. Das mit deinem Alten, dem guten alten Daidalos,seid ihr aus Kreta,aus dem Hof vom König Minos geflühtet. Dein Vater machte die Flügel.

IKAROS: Die Insel von Hera, Samos, dann Delos und Paroswaren schon hinter uns. Rechts Labyntos und diehonigreiche Kalymne.

HERMES: Ich weiss!Ich weiss Dann kamst du in Begeisterung, fingst anin Richtung Sonne zu fliegen und die Hitze schmelzte den Wachs, mit welcher ihr die Federn zusammengeklebt habt...

IKAROS: Das war nicht so. (Nachsinnend) Mein Gott, wie jung ich damalsnoch war! Fast ein Kind!

HERMES: Wieso war das nicht so?!

IKAROS: Das war nicht so, Hermes. Jeder glaubt, das sei so gewesen... so wird es erzählt... Aber Helios, die Sonne, warnoch sehr weit von mir entfernt. Aber je näher ich ihr kam, besser gesagt, je mehr ich mich von der Erde entfernte, desto kälter wurde es.Die Kälte brütete wahrhaftig.Sie brannte! Meine Arme wurden starr, die Federn erstarrten zu Eis... In meinem Mund erfror der Atem... Ich konnte nicht weiter.

Stille

HERMES: Gelt, du flunkerst jetzt?

IKAROS: Nein. Ich schwöre, nein!

HERMES: Du schwörst?

IKAROS: Ich schwöre!

HERMES: Auf Zeus!

ZEUS: (Springt verärgert auf) Was soll das heissen? - Habt ihr vergessen, wo ihr seid?

HERMES: (Kommt zur Besinnung) Entschuldige mir... Vater Zeus!

Stille

IKAROS: Du weisst, Zeus, dass ich dieWahrheit sage.

ZEUS: Na und! Wozu dann das Schwören?! - Und wenn ich stehe,soll kein Mensch vor mir sitzen bleiben!

HERMES: (Schnell) Hörst du nicht, steh auf!

IKAROS: (Steht unwillig auf) Wie ihr wollt.

ZEUS: (Schnauft) Na! (Besänftigt sich plötzlich) Setzt euch! (Er nimmt auch Platz) Schliesslich bin ich auf Urlaub, oder was? (Pause) Was gibt’s jetzt? Warum fährst du nicht fort? (Pause) Erzähle, mich interessiert die Sache auch.

IKAROS: (Seufzt) Du weiss du alles, Zeus.

ZEUS: Natürlich, Wenn ich mein Gedächtnis gehörigermassen anstrenge. Aber eben jetzt sagte ich, dass ich mich von der Welt für kurze Zeitzurückgezogen habe. Auch ein Haupgott hat Recht zur Ruhe! Sich ausstrecken! Nicht konzentrieren! Klar?!

HERMES: Weiter!... Und dann?... wie ging es witer?

Stille

IKAROS: (Sehr wiederwillig) Also dann... brannte die Kälte da oben...

HERMES: (Nervös, verärgert) Das halte ich nicht aus. Darüber muss man den Verstandverlieren! (Faltet Die Hände) VaterZeus, wenigstens sollst du erklären, vie bloss Kälte brennen kann?!

ZEUS: (Greizt) Was soll ich erklären Sreck dir deine Fragen auf den Hut! (Pause) (Erzwingtsich Ruhe auf) Gut. Ich erkläre es dir. Pass auf, Hermes. Die Kälte brennt in Wirklichkeit - nicht. Aber es gibt - Kälte!Kälte, die ist, als würde sie brennen. Es gibt Sachen, die einander entgegengesetzt sind und wenn der Mensch - dazwischengerät, ist er - vonSchmerz - unfählig, den Gegenstz zu empfinden. Es kommtvor, dass man Fieber hat, der ganze Körper brennt von innen, und trotzdem - friert man! Man zittert vor Kälte! Die Zähne klappern. (Pause. Zu Ikaros) Weiter mein Sohn, von dort, wo du esnicht mehr aushieltest, und heruntergestürzt bist!

HERMES: (Brummt) Das kennen wir schon.

IKAROS: (Reagiert nicht.Zörgend, später kommt er in Schwung) Dann bin ich versunken. Aus dem blauen Wasser verschwand das Licht... das Blaue. Nur die Dunkelheit ist geblieben... Aber plötzlich war mir wieder Licht vor Augen. Ich sah sogar einen winzigen Regenbogen, weil Wassertropfen an meinen Augenwimpern klebten. (Pause) Ich fühlte, dass mich jemand oder Mehrereauf der Oberfläche hielten. Die Delphine (Pause) - Ein anderes mal fiel ich ins Netz der Fischer. Sie sprangen alle erschrocken aus dem Boot und schwammen so lange, bis ein entferntes Fischerboot sie aufnahm. Und ich ruderte ans Ufer. - Einmal kam es, dass ich auf eine ausgedehnte Wiese, mitten unter Heu machende Bauern, in ein Heuschober fiel. (Steh auf) Sie glotzten nur. (Gafft mit offenem Mund) So! Zwar gab es unter ihnen auch paar Vernünftige. Diese sagten: Laufen wir! Darauf die anderen: Warum? Darauf die Klugen: Weil dieser ein Gott ist. Aber es gab auch einen noch Klügeren. Einen Einzigen. Er sagte genau das, was ich dir, Hermes, vorhin sagte. Götter pflegen nicht abzustürzen. (Seufzt) So rannten sie dann. (Kurze Pause) Ich viel schon auf eine Zeltplane, unter Frauen, die Leinen trockneten, in einen königlichen Fischweiher, in die Büsche eines Zypressenhains, , wo ich zwei sich Liebende fast totschlug, in eine Hanfröste, in stinkenden Sumpf, unter sicherfrischende Büffel, auf einem Düngerhaufen, in ein riesiges Tretfass bei einer Weinlese.

ZEUS: Unter Nyphen bist du nicht gefallen, als sie nackt badeten?

IKAROS: Nein, Zeus. (Denkt nach)Aber einmal flog ich über eine ganz besondere Landschaft. Es war eine mondhelle Nacht.Noch nie leuchteteSelene so wunderbar, wie damals. Unter mir lauter merkwürdig geformte Felsen. Nirgend ein Baum, ein Busch, kein einziger Grashalm. Felsen, nichts als Felsen. Alle in verschiedenenFarben, grün, blau, lila, kalt weis, golden gelb... auch die Schatten waren farbig.Und ich streifte dort hoch über sie dahin.

HERMES: (Grinst) Hoch?

IKAROS: Hoch.

HERMES: Woher weisst du dann, dass da kein einzigerGrashalm war?

ZEUS: Sei nicht albern, Hermes! Wenn er sagt, es war keiner, dann war eben keiner!

HERMES: Graswächst überall.

ZEUS: Dort wuchs es nicht und Punktum!

IKAROS: Ich bin sicher, dass es keinen gab, weil ich tiefer steigt und in ein langes Kesseltalhineinflog.

ZEUS: (Zu Hermes) Na siehst du!

Kurze Stille

IKAROS: (Lässt sich deutlich nicht stören) Als wohnten das Leben und der Tod zusammen in diesem Tal - in Frieden. (Zu Zeus, erklärend) Ich sage deshalb das Leben und der Tod, weil diese vielen Scenen dem Leben angehörten, die harten, hohen, bis zum Knochen khalen Felsen hingegen dem Tode.(Auch zu Hermes, der setzt schon nicht mehr grinst) Und es gab da auch menschliches Leben. Irgend eine Siedlung.Weiter ein grosses Gebäude, am Hof riesig viel Hanf,wahrscheinlich webten dort die Frauen die Leinen - gemeinsam.Was eine sonderbareGewohnheit ist. So etwas ist mir bis jetzt kaum begegnet, oder ich habe es nicht bemerkt.(Kurze Pause) Auf einem hervorspringenden Felsen, oben in den Höhe erblickte ich die weisse Kuppel eines Marmorpalastes Ich wollte dahinfliegen.Ich war neugierig, was für Leute dort leben.(Er steigt auf den Armsessel, schwingt einigemal die Arme, als würde er fliegen)Und als ich oben fastangelangt war , bekam ich plötzlich einen schrecklichen Krampf in Arm. (Er erstarrt)Ich finf an rücklings abwärts zu stürzen. (Ungezwungen) Dies war der Fall, als ich keine Lusthatte, in das Reich von Hades zu gelangen. Und es gab keinenBusch, weder einenHeuschober, noch einenDüngerhaufen. Ich schloss die Augen und wartete, dass ich zerquetsch werde, wie ein frischerKuhfladen.

HERMES: (Grinst) Aber es kam kein platsch!

IKAROS: Nein- wie du siehst. Weil genau unter mir - das war sicher dein Werk, Zeus - befand sich tiefes Loch, irgendein Wasserspeicher, der voneinem Schlundbachgespeist wurde. (Lässt die Arme zaghaft hängen) Und klutsch! Da bin ich hineingeplumpst.

ZEUS: (Kichert) Da hattest du aber ein Glück!

IKAROS: (Setzt sich mürrisch auf den Armsessel, auf dem er bis jetzt stand) Hab’ deinen Spass mit mir, oberster der Götter, du kannst es dir erlauben. Ich hoffe, ich habe dich genügend abgelengt.

ZEUS: (Ist nicht beleidigt, täuscht aber eine milde Beleidigung)Mensch! Nur sachte!

Stille

HERMES: Und dann? Wie kamst du aus dem Loch heraus?

ZEUS: Schwer. Der Ärmste glaubte doch, dass er in dieUnterwelt gelangt sei. (Lacht höhnisch) Malbekam er Luft, mal keine.

IKAROS: Eher keine!

HERMES: (Lachend) Jetzt verstehe ich, warum deine Flügel so aussehen! - Wenn dein Vater, der gute alte Daidalos das sähe!...

IKAROS: (Bitter) Die se sind lägst nicht mehr dieselben Flügel! - Zeus, wenn du in deinem Herzenein tröpfchen Erbarmen fühlst, wirst du mich endlich in den Ruhestand treten lassen!

ZEUS: (Ernst) Keine Eile, Ikaros!

Stille

IKAROS: Erlaube wenigstens, dass ich eine kurze Zeit nur ein Leben führe, wie die normalen Sterblichen!

ZEUS: Das heisst?

IKAROS: Ohne diese Federn!

Stille

ZEUS: In Ordnung, Ikaros. Darüber lässt sich reden.

IKAROS: Wann?

ZEUS: Warum nicht gleich.

IKAROS: (Springt erleichertert auf) Dankdir, Zeus... (Fängt an, die Federn von den Armen zu pflücken) Dank dir!...

ZEUS: Aber erst wirst du mir auf eine einzige Frage antworten - ganz aufrichtig!

IKAROS: (Hört mit dem Abpflücken der Federn auf) Amaufrichtigsten!

ZEUS: (Langsam, nachdrucksvoll) Warum hast du wieder mit dem Fliegen angefangen, wenn du immer Wieder mit dem Fligen angefangen, wenn du immerabgestürzt bist?

HERMES: Richtig! Ich wollte eben auch...

ZEUS: Ruhe! - Dich haben eher seine StürzeInteressiert! (Auf Hermes schauend) Gut, mich haben sie auchunterhalten... ein bisschen. Jetzt interessiert mich aber dies hier! (Zu Ikaros) Du konntest ja nicht wissen, dass ich dich zum Lebenverurteilt habe. - Oder doch?

Stille

IKAROS: Nein. Zuers nicht. Zuerst wusste ich von nichts. Ich bin mit meinem Vater, Daidalos aus Kreta zu den Küsten Siziliens aufgebrochen.

ZEUS: (Ungeduldig) Und wann bist du daraufgekommen?...

IKAROS: Viel später. Nach zahlreichen Stürzen. Am Anfang ahnte ich nur, dass die Götter meinen Tod wollen. Später wurde ich dann sicher darin. Bald wusste ich sogar, dass - der Eine! - der stärkste Gott es nicht Will. Weil, wenn es unter den kleineren, schwächeren Götterrn auch einige gegeben hätte, die es nicht wollen, hätten es andere kleinere und schwähere Götter sicher gewollt. (Pause) Warum ich es immer wieder von neuen angefangenhabe?.... Weil, wenn meine Füsse von der Erde weg in Schwung kamen, (Gerät sukzessive inVerzückung, macht mit den Armen wiederSchwigenschläge)wenn ich fühle, das ich fliege, wenn Zephiros, der sanfte Wind denBlättern der höhsten Bäume hinflüstert: Schaut hin, Ikaros fliegt wieder, vielleicht gelingt es ihm diesmal!... dann verliere ich immer wieder den Kopf. Ich suche den Punkt, ... die Grenzlinie, wo dieses Etwas ist - ich weiss nicht was es ist - woran ich mich festhalten kann und in Zukunft... nie wieder abstürzen werde! Nie wieder!

Hermes zeigt mit dem Finger, dass bei Ikaros etwas nicht Ordnung ist.

ZEUS: (Leise, aber streng) Bleib sill!

IKAROS: (Reagiert nicht darauf) Nein! Vielleicht ist es nicht das. Nicht um mich dort oben festzuhalten, sondern - um noch höher zu fliegen! Immer höher und höher! Höher als die höhsten Spitzen der höhsten Berge! (Ohne Zeus oder Hermes anzuschauen) Einmal flog ich über dem Olymp hin. Aber Götter sah ich dort keine. Keinen einzigen Gott sah ich dort.

ZEUS: (Stutzig und entrüstet) Wieso hast du da keinen Gott gesehen?!

HERMES: Vielleicht waren wir auchsdamals auf Urlaub. Und die anderen waren ebenherumgestolcht.

ZEUS: Zu Ikaros) Du konntest sie überhaupt nicht sehen, - wenn du so weit oben warst. - Dazu sind deine Augen zu schwach!

IKAROS: (Schaut die beiden auch weiterhin nicht an) Wer an Höhe gewöhnt ist, sieht sehr weit. Der hat sehr gute Augen...

ZEUS: An Höhe?! - Den Sturz, mein Sohn! Den Sturz! Daran hast du dich gewöhnt!...

IKAROS: (Beide Armestraffgespannt, die Füsse eng zusammengeschlogssen, den Kopf dem Boden zugeneigt,heult verzweifelt) Höhe! (Seufzend, Kraftlos) Höhe!... (Bleibt in dieser Starren Haltung. Ist steif, wie eine Steinstatue)

Stille

HERMES: Was ist geschehen?

ZEUS: Nichts . Ich habe inh zu Stein verzaubert! (Pustet) Rebell! (Pause) Gottesleugner!

HERMES: (Verständnislos) Warum, mein Vater Zeus?- Duwolltest, dass er fliegt.

Stille

ZEUS: Ich will es auch. Und er wird auch fliegen! - Das verstehst du nicht...

HERMES: Bitte, elkläre es!

ZEUS: (Während er um Ikaros wie um eine Statue herumgeht) Wir götter brauchen diesen Mann Wenn es unter den Menschen keinen gäbe, wie die Kriechtiere, wenn - alle! - am Boden dachinschleichten, dann wäre unsereHerrschaft keinen Dreck mehrwert. Dies gibt der Macht die Würze.Dass er fliegen will, wie du Hermes. (Pause) Undnoch höher! Diese ahmen Pallas Athene, Hephaistos und Prometheus nach.Diese!... Sie erforschen die verborgenen Winckel derMeere, Poseidons Reich. Aber wir bestrafen sie... Sie müssen immer durchfallen. Wenn sie nicht durchfallen würden, bekämen die anderen Meschen auch Lust dazu,ihnen ähnlich zu sein. Und dann sind wir wieder nicht vom Fleck gekommen! (Pause) Und dann werden wir auch - zu Menschen werden! (Pause) Dann wären wir auch nicht mehr - als nur Menschen.

Stille

HERMES: (Wie Zeus, gecht auch mehrmals um Ikaros herum)Ich verstehe. Du könntest phantastische Statuen meisseln, Vater Zeus!

ZEUS: Schmeichel mir nicht, Hermes! Das brauch ich nicht. (Stupst in die hohle Hand von Ikaros) Einmal werden ihn die Toren, die Dummköpfe, auf einem Baum nageln, wie eine Fledermaus.

HERMES: Aber die Fledermaus - ist ein Nachttier.

Stille

ZEUS: Wenn sie dastun, wird es auch tagsüber Dunkelheit geben. (Pause) Und jetzt unterhalten wir uns mit ihm. Was immer ich tue, was immer folgen wird - wirprobieren das auch mit Kallisto aus! - du bleibst immer neben mir, kommst mit mir, verstehst alles schnell und schweigst. (Pause) Genug, Ikaros! Sei wieder derjenige, derdu warst!

IKAROS: (Regt sich, lässt die Arme müde herunter. Benommen, wie einer, der aus einem traumlosen Schlaf aufwacht) Was sagst du Zeus?

Stille

ZEUS: Du hast etwas gesagt.

IKAROS: Was habe ich gesagt?

ZEUS: Du hast mir auf eine Frage geantwortet.

IKAROS: Geantwortet?

HERMES: Geantwortet.

IKAROS: Und was habe ich geantwortet?

Stille

ZEUS: Das, was ich erwartet habe.

IKAROS: Dann... erfüllst du auch, worum ich dich gebeten habe? Das ich ein bischen das Leben normaler Sterblichen führen kann!

Stille

-

-

-

ZEUS: (Spaziert auf und ab) Ja... ja... ich habe versprochen, dass wir uns darüber unterhalten können.

IKAROS: (Gefasst) Dass wir unsjetzt unterhalten!

ZEUS: (Bleibt stehen) Gut. ( Wendet sich Ikaros entgegen, schaut ihm stechend in die Augen, der aber den Blick des Hauptesgott besteht) Also dann reden wir. (Freundlich) Wünschst du noc etwas Obst? (Da Ikarosverneinend den Kopf schüttelt, zu Hermes) Nimm diese Schüssel weg! (Setzt sich in den Tronsessel) Stelle den Tischhier vor mich hin, den anderen Stuhl neben mich Das ist dein Platz. (Zeigt auf den dritten Stuhl)Und stelle diesen Stuhl vor den Tisch. Dahin zetzt du dich, Ikaros. - Wir unterhalten uns.

Hermes macht, was Zeus verordnet. Ikaros setztsich. Die Lage nimmteinen offiziellenCharakter an.

ZEUS: (Zu Ikaros) Dein Name?

IKAROS: (Verwundert, aber er begreift, dass seine Lage jetzt ernst Wurde. Er antwortet) Ikaros.

ZEUS: Dein Beruf?

IKAROS: Flieger.

ZEUS: Das ist so unpünktlich.

HERMES: (Möchte helfen) Sage - auf den Sternen wandelnder.

IKAROS: Das ist auch unpünktlich. Ich habe noch keinen einzigen Stern erreicht.

ZEUS: Also - Wolkengänger! (Pause) Name deines Vaters?

IKAROS: Daidalos.

ZEUS: (Ungezwungen) Hast du deinen Vater geliebt?

IKAROS: Ich habe ihn geliebt. - Ich liebe ihn auch jetzt.

ZEUS: (Streng) Antworte nur auf die Frage!

Stille

IKAROS: Ist er schon gestorben? (Pause) Der Arme!

ZEUS: Hast du ihn geehrt?

IKAROS: Ich glaube nicht, dass je ein Sohn den Vater mehr geehrt hätte,als ich ihn!

ZEUS: Möchtest du auf einer ihm ähnlichen Weise leben?

IKAROS: Er war ein Riese. Viel grösser, als ich. Das heisst - abnormal. (Pause) Ich könnte ihm nicht ähnlichwerden.

ZEUS: Dein Vater war gross, aber normal. (Pause) Wenn du so wärest, wie er, müsstest du nicht immer fliegen.

IKAROS: Er war begabter, als ich.

ZEUS: Hier handelt es sich um das Benehmen! - Darin war dein Vater normal.

IKAROS: (Steht auf) Dann lässt du mich doch fort. Ich bin sein Sohn. (Pause) Er mein Vorbild.

Stille

ZEUS: (Höhnisch) So?!

HERMES: (Anteilsvoll) Bist du sicher darin?

ZEUS: (Zu Hermes), verärgert) Hermes! Die Fragen...

HERMES: Ich weiss.Man muss auf die Fragen Achten.

Stille

IKAROS: Ich bin siher darin.

ZEUS: (Ruhig, fast heiter. Dein Vater war in Athen ein berühmter Künstler,, Wissenschaftler und Erfinder. - Warum seit ihr nach Kreta geflohen?

IKAROS: Ich weiss nicht Zeus. Aber du weisst es.

ZEUS: Wahrhaftig kannst du es nicht wissen. Du warst noch ein kleinerFratz. (Pause) Dein Vater hat seinen Sehr talentierten Neffen und Schüler, Talos, denErfinder der Drechscheibe und der Säge, zum Rand einer tiefen Schlucht gelockt und gab ihm einen Stoss. - Hat auch ihn fliegen gelehrt. (Kichert) ) Hat nur vergessen, ihm Flügel zu geben.

HERMES: (Aufgeregt) Zeus, mein Vater, , der Genauigkeit halber darf ich bemerken, dass die Idee der Flügel Daidalos nur auf der Insel Kreta kam.

ZEUS: (Auch weiterhin ruhig) Geduld, Hermes, das wird auch noch an die Reihe kommen. (Zu Ikaros) Jawohl, dein Vater hat Talos getötet. Aus Eifersucht.

Stille

IKAROS: (Unsicher) Es ist möglich, das Talos zufällig... hinuntergestürzt ist.

ZEUS: Mehr sogar! Vielleicht ist er absichtlich vom Felsen abgetreten, um zu prüfen - wie lang er in der Luft stehenbleiben kann?!

Stille

IKAROS: Mein Vater war in Kreta der Gösste.Im Hofe von König Minos standen überall seine Statuen. Und überall auf der Insel. Mit seinenErfindungen hat er die Menschen reicher gemacht. Er entwarf wunderbare Gebäude. Er baute das Labyrinth für den Minotauros.

ZEUS: Für ein menschanfressendes Ungeheuer.

IKAROS: Dafür konnte er nichts.

ZEUS: Dafür tatsächlich nicht. (Pause) Dann flüchtete er auch von Minos.

HERMES: Weil ihn das Heimweh quälte.Er wollte zurück nach Athen.

ZEUS: (Nickt heiter) Und kam auch glücklich an - nach Sizilien. (Pause) Da ihn auf dem Meer Minos eigenholt hätte, machte er die Flügel. - Auch für dich, Ikaros. Ebenso gut, wie für sich selbst. Er hat dich gelehrt, dich - immer in der Mitte - zu bewegen. Weder zu nahe zu den gefährlichen Höhen! Dein Vater, Daidalos war - unter anderem - auch deshalb ein normalerMensch. (Pause) Und wegen noch etwas. Als Minos ihn doch folgte und ihn in Sizilien auffand, hat erMinos nicht mit eigener Hand getötet, sondernerhat ihn töten lassen. Von Einheimischen. - Er lockte ihn ins Bad, zeigte Reue und Gastfreundschaft und dann - Schlitz - liess er dem König den Hals abschneiden. - Weil er normal war. Weil er nach eigener Lust leben wollte und nicht nachdes Königs.. (Pause) Wenn dunicht tötest, wirst du getötet! Und das Leben ist das Allerwichtigste. - Für einen normalen Sterblichen. (Pause) Warum schweigst du Ikaros? Glaubst du es nicht?

IKAROS: (Schreit verzweifelt) Mein Vater war nicht normal! Mein Vaterwarein Ungeheuer! (Leiser) Das Eine Falle, Zeus! Du vereinfachst die Dinge absichtlich.

HERMES: (Mit wenig Überzeugnung) Sage dem Hautgott sowas nicht, Ikaros!

ZEUS: Warum soll er sowas nicht sagen? - Ikaros, willst du noch immer so ein Mensch sein wie dein Vater, Daidalos war?

IKAROS: Nein!

ZEUS: Weil er - deiner Ansicht nach! - ein Ungeheuer war?

IKAROS: (Leidend) Nein!... Ich weiss es nicht!...

Stille

ZEUS: Gewiss, er war - seiner Moral nach! - ein Durchschnittsmensch.

IKAROS: Aber wegen seines Wissens und Talents überragte er alle Anderen!

ZEUS: Hingegen flog er über demMeer schon in der Mitte.

IKAROS: Beim Meer befanden sich die Fischer, die Inseln, die anderen Menschen trotzdem alle unter uns. (Verzweifelt) Ich will nur nochmeine Ruhe, Zeus!

ZEUS: (Gähnt) Ich verstehe dich,.Du willst verschwinden unter den Menschen. Du willst das Leben der bedeutungslosen kleinen Meschen leben.

IKAROS: (Richtet sich auf) Haupt der Götter! Der Mensch ist kein kriecher, sondern - Mensch!

ZEUS: (Richtet sich auch auf und ahmt Ikaros pathetisch nach, aber so gut, dass auch Hermes zu grinsen anfängt) Haupt der Götter! Der Mensch ist keinKiecher, sondern - Mensch!...Mensch!...

IKAROS: (Schreit wütend) Ihr seid auch nicht besser.Ihr lebt wie wir! Ihr ahmt uns nach!

ZEUS: (Grinsend) Wir?! Euch?! - Hörst du das, Hermes?

HERMES: (Grinsend) Ikaros, verlier bloss den Kopf nicht!

ZEUS: (Grinsend) Wenn du schon deine Flügel verloren hast! - Hermes, willst du den Rest nich ausborgen?

IKAROS: (Bemerkt nicht mehr, dass er geneckt wird) Ich mache andere! Solche, dass...

ZEUS: Aus Federn eines Adlers?

IKAROS: Sogar daraus!

ZEUS: Du fiegst zu ihm hinauf - so! - und dann fängst du ihn ab! (Er wird ernst) Es ist in Ordnung, Ikaros, ich sagte dir, dass ich dich verstehe. Du bist müde geworden. Zwar siehst du noch jung aus, doch deinHerz verträgt est nicht mehr.

IKAROS: Zum Trutz verträgst’s doch!

HERMES: Es verträgt es nicht!

IKAROS: Es verträgt es!

HERMES: Du trotzt umsonst. - Es verträgt es nicht!

IKAROS: Es vertägt! - (Gibt auf) Nur nicht zehr.

Stille

ZEUS: (Mit schleicherischer Liebenswürdigkeit) Ikaros, jetzt lassen wir dich ein bischen allein. Du hast uns wirlich unterhalten, aber Gott weiss warum, wir sind schläfrig geworden. Machen wir ein Nickerchen! Aber deine Bitte wird nicht vergessen. Wir denken auch im Schlaf daran. Denn ich sage dir, es gibt Erbarmen in unserem Herzen. (Ungewollt wird es ernst) Nämlich wenn ein soVerrückter, wie du, ein einfacher, grauer normaler Mensch sein will, das ist fast so unmöglich, als wenn ein normaler Mensch dir ähnlich fliegen wollte. (Wieder mit schleicherischer Freundlichkeit) Trotzdem werden wir die Sache bedenken.Wir werden auch im Traum nachsinnen! - Du sollst dich einstweilen auf deinen Platz zurücksetzen und schön mittagessen.Ich schicke dir reichlich zu essen - und auch Wein. Ichhabe göttliche Weine!... ( Zwinckert Hermes an) Und auch sonst etwas! - Vielleichtgibt es für dichnoch eine Möglichkeit! (Gähnt) Gehen wir, Hermes!

Zeus und Hermes gehen rückwärts,rechte zwischen denBäumen hinaus, Kurze Stille. Ikaros packt den Stuhl, auf dem er sass, in ohnmächtiger Wut auf, um ihn gegen den schmuckvollen Armsessel des Zeus zu werfen. Aber er tut es doch nicht, der Stuhl bleibt in seiner Hand über dem Kopf stehen, und dann wirft er ihn zu Boden. Dann setzt er sich zerstreut auf den umgefallanen Stuhl. Er denkt nach. - Rechts von hinten nähert sich dir Nymphe Kallisto, die gegenwärtige Geliebte von Zeus, in leichter Kleidung, aber ziemlich beladen. Auf einem Arm hat sie ein Tablett mit feinenSpeisen und einem Pokal, in der anderen Hand eine Amphora voll mit Wein. Alldies stellt sie mit einem erle ichterten Seufzer auf niedrigenTisch. Nachdenklich schaut sie Ikaros einem Moment an und stellt dann die Obstschüssel, die noch von Hermes auf den Boden gestellt wurde neben die andereSchüssel. Danngeht zu Ikaros, bleibt hinter seinem Rücken stehen und streichelt sanft sein Haar. Er fährt zusammen und springt auf.

KALLISTO: Du hast dich erschrocken.

IKAROS: (Schaut sie an) Nein!... dass heisst... etwas.

Stille

KALLISTO: Iss!

IKAROS: (Unsicher, er weiss noch nicht, vie er sich benehmen soll)Ich bin nicht hungrig.

Stille

-

-

KALLISTO: (Geht zum Tisch, giesst Wein in den Pokal und stellt sich mit einem Stück Braten inder anderen Hand vor Ikaros hin. Wie die Mutter eines trotzköpfigen Kindes stopft sie das Fleisch sanft aber entschlossen in seinenMund) Du sollst es sofort hinunterschlucken!

IKAROS: (Mit vollem Mund) Bist du verrückt geworden?

KALLISTO: (Ruhig) Und dann trinkst du diesen Wein.

IKAROS: (Kaut, schluckt, trinkt) Ich ... ersticke noch.

KALLISTO: Weil du ungehorsam bist.

Stille

IKAROS: Und du bist schön.

KALLISTO: Oh! - Du bemerkst auch dann, was sich auf der Erde befindet, wenn du auf der Erde bist? (Inzwischen stellt sie den dritten Stuhl, den Ikaros umgestossen hat, auf seinen Platz.

IKAROS: Du spottest.

KALLISTO: Du bist empfindlich.

IKAROS: Es wundert dich? - Wenn einerso oft gestürzt ist, wie ich!...

Stille

KALLISTO: Ich habe alles gehört. Ich weiss alles über dich. (Schaut sichum, flüsternd)Weisst du, warum mich Zeus hierhin geschickt hat? Du sollst mit verführen!

IKAROS: (Verständlichlos, aber auch flüsternd) Ich soll dich verführen?

KALLISTO: Ja, verführe mich!

IKAROS: Ich?... Und wie?

KALLISTO: Mein Gott! Wie soll man jemanden verführen?

Stille

IKAROS: Aber ... warum?

KALLISTO: Weil das die letzt Probe ist.

IKAROS: Wozu?

KALLISTO: Umso ein Mensch zu werden, wie die anderen.

IKAROS: (Misstrauisch)Wenn ich dich verführe?!

KALLISTO: Wenn du mich verführst!

IKAROS: Wo? (Pause) Hier? (Pause) Vorden Augen von Zeus?

KALLISTO: Er schläft.

Stille

IKAROS: Und warum?

KALLISTO: Weil wenn du dazu fähig wirst, dann bist du, wie die anderen Menschen. - Du kannstdich von diesen Federn befreien.

Stille

IKAROS: Du bist doch die Geliebte von Zeus?

KALLISTO: Die - gegenwärtige! - Geliebte.

IKAROS: Und wie heisst du?

KALLISTO: Ich bin die Nymphe Kallisto.

IKAROS: Ach, die bist du! Ich habe schon etwas von dir gehört. (Pause) Schläft Zeus bestimmt?

KALLISTO: Gefalle ich dir nicht? - Sicher schläft Zeus.

Stille

IKAROS: (Innatürlicher, normaler Stimme) Doch. Du gefällst mir sehr.

Von hier ab flüstern sie nicht mehr.

KALLISTO: Wenn du willst, bin ich dein, Ikaros.

IKAROS: Mein?

KALLISTO: Dein! - Du musst mich auch gar nicht verführen. (Pause) Ichwerde auch ohne Verführung dein sein, - ganz und gar.

Stille

IKAROS: Warum?

KALLISTO: Weil ich nicht will, dass mein Schicksal in Erfüllung geht.

IKAROS: Was für ein Schicksal?

KALLISTO: Ich kenne mein Schicksal.

IKAROS: Niemand kennt sein Schicksal.

Stille

KALLISTO: Ich kenne es.

IKAROS: Warum willst du dann ändern, was unvermeidlich ist?

KALLISTO: Mit dir kann es geändert werden. Es ist vermeidbar. Ich werde dein sein, deine Frau sein. Wir gehen von hier weg.

IKAROS: (Konzertiert) Wenn ich mich recht erinnere, warst du eine Königstochter.

KALLISTO: Ja, Zeus veränderte den König Lykaon, meinen Vater, aus Strafe zu einem Wolf, weil er seinen heiligen Altar mit Menschenblut beschmutzte. (Pause) Und ich war die Spielgefährtin der Göttin Artemis - gans bis Zeus mich nicht begehrte. (Pause) Wenn du mich jetzt nicht mitnimmst, werde ich ihm einen Sohn gebären, Arkas, den berühmtenJäger. - Hera, dieFrau von Zeus ist bereits eifersüchtig auf mich,Hermes hält umsonst Wache, umsonst versucht er unsere Liebeleien zu tarnen, Heras Rache wird mich früher oder später erreichen. (Verzweifelt) Sie verzaubert mich in eine Bärin. Ich werde eine faule Bärin mit einem rauhharigenMaul werden!... Und mein eigener Sohn wird seinen Bogen spannen, gegen mein Herz!

IKAROS: (Bedachtsam) Jetzt erinnere ich mich schon. (Begeistert) Aber Zeus hebt dich auf den Sternen... Auch du selber wirst ein Stern. (Schwärmerisch) Wenn ich auch einmal so hoch käme!...

KALLISTO: (Mit machtloser Wut) Idiot!

IKAROS: (Verzückt) Wie... Was sagst du?

KALLISTO: Ich sagte, Idiot!...

Stille

IKAROS: Wer?

KALLISTO: Du!

Stille

IKAROS: Siehst du, das kann sein. - Und deiner Meinung nach, warum?

KALLISTO: Weil dein Vater blöd war,alser dich machte!

IKAROS: Das stimmst so nicht. - Zeus hat es bewiesen, dass mein Vater - völlig! - normalwar.

KALLISTO: (Hysterisch) Ein normaler Mensch kann kein blödesKind erzeugen!

IKAROS: (Nachdenkend) Glaubst du? (Ruhig) Nein, Kallisto, wenn ich ein Idiot bin, so bin ich auf einer ganz anderen weise blöd. Ich bin ein - aussergewöhnlicher! - Idiot!

KALLISTO: (Stampfend) Ein aussergewöhnlicher, eigenbildeter Idiot!

IKAROS: Denk doch nach, Kallisto! Du bist eine Königstochter. (Pause) Oder du warst eine. Und noch dazueine Nymphe!-Die schönste Nymphe, die ich mir nur vorstellen kann!...Denn ich habe noch keine Einzige gesehen. Wie könntestdu eine graue Frau eines grauendenMenschen sein. (Pause) Kallisto, diese Ruhe, nach der ich mich sehne, wäre dir langweilig.

Stille

KALLISTO: (Säufzt) Achwarum verstehst du mich nicht, Ikaros?

IKAROS: (Ungestört) Ausserden ist es möglich, dass du Arkas bereits unter deinem Herzen trägst.

KALLISTO: (Unwillkürlich zum Bauch greifend) Glaubst du?

IKAROS: Zeus plegt nicht zu spassen in solchen Dingen .

KALLISTO: (Geht unruhig auf und ab, wie ein wildes Tier, wenn es bemerkt, dass es in ein Käfig geraten ist) Unmöglich. Ich spüre nichts.

IKAROS: Weil man das zuerst nicht fühlt.

KALLISTO: toWoher weisst du das?

IKAROS: Ich habe es gehört. Wer an so vielen Stellen vorbeikommt, wie ich, hört so manches, mal hier, mal dort. -Glaub mir, Kallisto, ich könnte auch sagen, warum verstehst du mich nicht?

KALLISTO: (Setzt sich zaghaft auf den Sessel von Zeus)Wir brauchten einander so sehr!

IKAROS: (Bemerkt erst jetzt, wohin sich Kallisto gesetzt hat) Achtung! Dee Sessel des Hauptgottes!

KALLISTO: (Resigniert) Na und! Wenn ich mich in den Schoss des Hauptgottes setzen darf, wenn er in diesem Sessel sitzt, dann kann ish mich auch hier hinsetzen. (Pause) Wir könnten so glücklich sein, Ikaros. Wir könnten von hier weggeehen, in einem entfernten Winckel der Welt... Du und ich! (Blickt empor) Wie gut, dass die Speichen des feurigen Wagens von Helios nochstrahlen. Leiden nicht mehr lange. Aber vielleicht wird Selene helfen.. Auch in ihrem kühlen Lichtverschwinden die Sterne - wenn sie in vollen Licht glänzt. (Pause) Ich habe die Sternenicht mehr gerne... Seit dem ich weiss, was mich erwartet. Zeus wird mich dort unter sie erheben ind ich werde ebenso allein sein, wie sie.

IKAROS: (Sinnend)Vielleicht sind sie gar nicht alleine!... Wenn Selene im Schattensteht, sindsie so zahlreich.

KALLISTO: (Rauch)Sie schmiegen sich aneinander, sonst friert es sie durch Mark und Bein! - Du hastes gesagt, je höher du fliegst,destokälter ist es. Oder habe ich falsch gehört?

IKAROS: Du hast richtig gehört.

KALLISTO: Ich, hingegen, habe den Sonnenschein gerne. (Milder. Versucht noch einmal zauberhaft zu sein) Ich liebe es, wenn am blauen Himmel Helios über mir steht und seine goldenen Strahlen auf mein Gesicht, auf meinen Hals, meinen ganzen Körper herumgefallen. ( Sie reckt sich wonnevoll, zieht ihr sowieso leichtes Kleid am Busen etwas nach unten und beobachtet inzwischen die Wirkung unter den halb geschlossenen Augenwimpern.. Aber Ikaros ist so regunslos, wie einHolzklotz. Da verliert sie die Lust, bezwingt sich dann trotzdem.) Passt du auf mich auf, Ikaros?

IKAROS: Gewiss! - Ich pass auf dich auf!

KALLISTO: (Jetztschliesst sie die Augen ganz, um Ikaros überhaupt nicht zu sehen) Pass auf mich auf, pass sehr auf mich auf Ikaros! - Ich liebe den Sonnenschein. Ich liebe die Erde! Den kühlen Schatten riesiger Bäume! Den Gesang der Vögel. ((Pause, die Vögel singen)Hörst du, wie sie singen? (Pause) Ich möchte dorthin gehen, wo lauter nette, einfache Menschen leben - Sagen wir,an den Rand eines grossen Waldes, den ein breiter, ruhiger Fluss durchschneidet, der unter samtigen Wiesen und bebauten Feldern weiterfliesst! Im Wald wohnten nur einfache Holzfäller. Neben dem Fluss wohnten nur einfache Fischer. Auf den Feldern in kleinen Siedlungen einfache Landbauer, auf den Wiesen einfache Hirten! Die einfache Holzfäller hackten Holz, die einfachen Fischer treibten Fischfang, die Bauer bebauten die Felder, die Schäfer weideten ihre Herden, und wo keine Herde grast, mächten die einfachen Bauer. Und die Luft wäre voll mit dem wunderbaren duft von Heu...

IKAROS: (Mit verschnupfter Stimme) Hättest du nur das nicht gesagt! (Niesst) Ich bin allergisch auf Heu - seitdem ich in diesen Heuschober hineingefallen bin - (Niesst) Na siehst du. Ich habe schon den Heuschnupfen erwischt! (Niesst) Und das ist so unangenehm!...

KALLISTO: (Mit grossen Augen, als würde sie Ikaros zum erstenmal sehen) Bitte?

IKAROS: Ich sage, ich bekam Heuschnupfen! (Niesst)

KALLISTO: (Springt auf, wie eine Furie und stürzt mit hervorstehenden Nägeln auf Ikaros) Duuuuu!

IKAROS: (Ergreift Kallistos Handgelenk) Was... Was ist mit dir?

KALLISTO: (Schnauft und zischt) Erst kratze ich dir die Augen aus, dann sage ich es dir!...

IKAROS: Das aber nicht!

Sie stehen sich Auge im Auge gegenüber.

KALLISTO: Du halbkahler Kapphahn!

IKAROS: Kapphahn?

KALLISTO: (Während sie sich befreien versucht) Kapphahn!...

IKAROS: (Lässt sie nicht los) Weil ich dich nicht bestiegen habe?!

KALLISTO: Weil du ein Kapphahn bist!... Weil du ein Eunuch bist. Weil du ein Ochse bist!... Weil du ein Maulesel bist!... (Stampft) Lass mich, du Idiot!

IKAROS: (Mit beleidigtem Zorn) Du geile Katze!...

KALLISTO: Du Idiot!...

IKAROS: (Brüllt) Du läufige Hündin! (Stösst Kallisto von sich weg, sie fällt zu Boden)

Stille

Ikaros geht schnaufend, bereits mit reuevollem Gesicht zu Kallisto, um sie auf die Beine zu helfen

KALLISTO: (Hysterisch) Berühr mich nicht, du Vieh!

IKAROS: (Hilflos) Es tut mir leid. Es tut mir sehr - sehrleid!

KALLISTO: (Springt auf) Du bedauerst mich?! (Sie fängt an um ihm herum zu spazieren. Ikaros hält sie auf der S Stelle im Auge, sich um seine eigene Achse drehend) Du mich?... Die Tochter von König Lyakon? Die Spielgefährtin der Göttin Artemis?! Die schönste Geliebte von Zeus! Du hast es gewagt, mich Zurückzuweisen?! Du wagtesr mich eine geile Katze zu nennen?!

IKAROS: (Ungeholfen) Weil du mich ein Kapphahn nanntest.

KALLISTO: Dass ich eine läufige Hündin bin?!

IKAROS: Weil du sagtest,dass... ich rate dir treu zu sein!

KALLISTO: Du hast es gewagt?... (Bleib stehen) Also hör mal her, Ikaros! Du, der unglücklichste Narraller Zeiten! Ich werde an dir eine solcheRache nehmen, dass die Qualen von Prometheus - als ihm der Geier die Leben zerzauste - als ein genussvolles Gekitzel, die Tortur von Tantalos, die Hoffnunglosigkeit von Sisyphos derGipfer aller Wonnen scheinenwird!(Hysterisch schreiend) Z e u s s!! Hilfe!... Ikaros will mich schänden!...

Stille

IKAROS: Aber Kallisto, das ist doch nicht wahr!...

KALLISTO: (Ebenso) Zeus! Mein Lieber! Komme bevor zu spät ist! (Pause) Wo in aller welt bleibt dieser alte Lüstling?!

IKAROS: Kallisto, Liebe,an mir willst du Rache nehmen, wobeidu dich...

KALLISTO: Maul zu! (Schnaufend) Ich werde es dir schon zeigen! Ich!... Alle Ungeheuer der Unterwelt werden dich überfallen! Alle Blitzschläge von Zeus weden dich treffen!...

Inzwischen spazieren Zeus und Hermes von rechte hinten bequem herein. Zeusmacht ein strenges Gesicht, aber an den Augen kann man erkennen, dass er sich sehr gut amüsiert.

ZEUS: Habe ich richtig gehört, Kallisto?

KALLISTO: Du hast richtig gehört, Zeus!....

Stille

ZEUS: Mein Herzchen! Ich bin daran gewöhnt, dass meine Geliebten mir lügen, wie auch ich nicht Immer die Wahrheit sage, wenn ich sie liebe. Aber jetzt sind wir nicht im Bett, Kallisto. (Pause) Ich erwarte, dass die Wahrheit sagst.

Stille

KALLISTO: (Kleinlaut geworden, leise) Er hat mir...einAngebot gemacht.

ZEUS: Ein Angebot?!

KALLISTO: Ein Angebot!

IKAROS: Ich habe kein Angebot gemacht!

ZEUS: Doch, du hast, mein lieber Sohn! Du hast. Du hast Kallisto empfolen,treu zu sein! - Nicht war Kallisto?

Stille

HERMES: (Zu Kalisto) Sage, dass es wahr ist! Davon...

ZEUS: (Streng) Hermes! - Ich habe gefragt!

Stille

KALLISTO: (Gezwungen) Es ist wahr.

ZEUS: Dann gehe und bringe die Flügel her!

Kallisto geht sich duckend, demütig den Kopf gesenkt, rückwärts, nach rechts hinaus.

HERMES: (Mit aufrichtigen Mitleid) Armer Ikaros!

Stille

ZEUS: Also das ist die Lage, Ikaros. Ich habe meinVersprechen gehalten. Ich gab dir noch eine Möglichkeit, um ein normaler Mensch zuwerden! (Feierlich) Ichschwöre dir auf den lebenden Gott,wenn du diese winzige Gemeinheit verübt hättest, wenn du mindestens fähig gewesen wärest, dich mit deinemSelbstbewusstsein, mit deiner sogenannten Ehre abzufinden, um dir zu trauen, die Wonne wahrnehmen, die sich von selber erbietet....

IKAROS: (Richtet sich selbstbewusst auf) Ich habe sie nicht wahrgenommen! Ichbrauch keine überdrüssig Gewordene Geliebte eines Anderen!

ZEUS: (In aufrichtigen Zorn geraten. Donnern) Was! Du brauchst die Geliebte des Hauptgottes nicht! Du wählst dir lieber eine plumpe törichten Jungfau, als - meine! - Geliebte?!

IKAROS: Ichwähle die ich wähle!

ZEUS: Du wählst nicht!

IKAROS: Doch ich wähle!

HERMES: (Versöhnend) Sei nicht so Hardtnäckig, Ikaros.

IKAROS: Und trotzdem wähle ich!

ZEUS: Und trotzdem wirst du nicht wählen! (Schnauft) Sondern Fliegen!...

IKAROS: Dann fliege ich eben!

In diesem Moment kehrt Kallisto zurück, ihr Gesicht ist vonTränen verschmiert. Zieht die Nase, Schnüffelt, schleppt auf der Erde mit zwi Händen zwei riesige Flügelnach sich.

ZEUS: (Bemerkt Kallisto und die Flügel) Mit diesen wirstdu fliegen! Hermes (Vorwurfsvoll zu Ikaros) Siehst du, und musstest du trotzen?!

-

Stille

IKAROS: (Bereits leise) Was für Flügel sind das?

ZEUS: (Mitunheiverkündender Ruhe) Diese mein Sohn, sind die Flügel deines Vaters, des Guten alten Daidalos. Er hat auch Änderungen daran vorgenommen. Du musstsie nur anschnallen, brauchts sie nicht mit Wachs ankleben... und schon,Husch! befindest du dich in der Höhe!

Stille

IKAROS: (Fährt mit ergrimmter Entschlossenheit fort) Es ist in Ordnung, Vater der Götter, du bist der Stärkere! (Reisst die Flügel aus KallistosHänden) Ihr seid die Stärkeren! Aber glaubt nicht, dass jeder Mensch einKriechling ist und dass alleMenschen euere Speichel lecken!Ich geh weg von hier! Ich werde fliegen, wie mein Vater - immer der Mitte! - weder zu nache den gefährlichen Tiefen, noch zu nahe den gefährlichen Höhen!... Ich werde dorthin fliegen, wo es keinen einzigen GGott gibt. (Er nimmt die Flügel unter die Arme) Undwenn du mich schliesslich töten wirst, Zeus, das wird auch - dein! - Misserfolg sein! (Schlägt die nackten Hacken zusammen, zu Kallisto) Kallisto, ich bedauere, was zwischen uns vorgefallen ist. Verzeih mir!

KALLISTO: (Schnüffelnd) Aber! - Nicht ist geschehen.

IKAROS: (Nach neueren Zusammenschlagen der Hacken) Hermes, es hat mich gefreut!

HERMES: (Verbeugt sich feierlich) Meiner seits!

IKAROS: (Zu dem verblüfften Zeus) Und du mein Herr - wenn es möglich ist - tue so, als wäre ich nie auf dieser Insel erschienen. (Zieht erhobenen Hauptes, mit den grossenweissen Flügeln unter den Armen nach links hinaus.

Stille

ZEUS: (Zu Kallisto) Ich habe Durst, Giesse ein!

KALLISTO: (Füllt den Kelch aus der Amphora) Bitte

ZEUS: (Setzt sich auf zeinen Platz)Und schnüfflenicht!

KALLISTO: Ich schnüffle nicht.

ZEUS: Und jetzt setz dich in meinen Schloss und küss mich. So wie du ihn geküsst hättest! - Und du Hermes, beobachte inzwischen, was er nacht!

Hermes steigt wortlos auf einenStuhl und späht nach links hinaus.

KALLISTO: (Sentimental) Ich küss dich, wie - den Vater meines Zukünftigen Kindes. (Küsst ihn leidebschaftlich)

HERMES: (Übermittelt Zeus auf dem Stuhl stehend, der ihn aufmerksam bedachtet, sie mit langweiliger Mieneküssend) Er ist schrecklich wütend. Hat die Flügel schon unterwegs angeschnallt.

KALLISTO: (Beobachtet auch Hermes mit einem Auge, jedoch girrend) Du bist der grossartigste Liebhaber der Welt.

HERMES: Jetzt erreicht er den Meeresstrand.

ZEUS: Dein Kuss ist, wie... es gibt überhauptkeinen Vergleich!

HERMES: (Steigt auf einen Felsen) Er erhebt sich in die Luft. Und fliegt tatsächlich - in der Mitte!

KALLISTO: (Steigt auf den dritten Stuhl) Wie schön er fliegt!...

Stille

HERMES: Als ob er höhersteige!

ZEUS: Er steigt nicht.

KALLISTO: MeinesErachtens nach steigt er höher.

Stille

HERMES: (Bedauernd) Leider, es ist sicher, dass er höher steigt.

ZEUS: (Objektiv) Ja. Er steigt.

Sie stehen unbeweglich auf ihren Stühlen, heben nur den Kopf immer höher. Sie folgen mit ihren Blick den Flug des wiederin die höhe strebenden Ikaros.